Vereinbarkeit

Juristin fragt uns Mütter nach unseren Erfahrungen mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Von ihrer Frage und den dazu auf ihrer Seite veröffentlichten Texten habe auch ich mich anregen lassen.

Als Wechselmodellmama habe ich mit der Vereinbarkeit von Familienleben und Erwerbsarbeit weniger Probleme als eine Mutter, die mit ihren Kindern immer zusammenlebt – das ist mir sehr bewusst.
Dass meine zwei Söhne hälftig bei mir und hälftig bei ihrem Vater leben, ist nicht meine Idealvorstellung von Familie und bleibt emotional schwierig für alle. Trotzdem kommt das Wechselmodell zumindeste einer fairen Aufgabenteilung zwischen beiden Eltern relativ nahe (wie schwer dies innerhalb von Beziehungen zu leben ist, ist sehr bewegend hier beschrieben) und die kinderfreien Tage – zur Zeit jede zweite Woche von Dienstagmorgen bis Montagmorgen – ermöglichen mir vieles: Überstunden. Mehr Überstunden. Den liegengebliebenen Haushalt nachzuarbeiten. Arzttermine mit nur einem Kind. Teilnahme an Elternabenden ohne Betreuungsproblem. Freundschaften, die nicht im Kiez und/oder ohne Kinder stattfinden. Die Beziehung zum liebsten Freund, die wir im Wesentlichen als Anti-Alltag leben. Alleinzeit, die ich als introvertierter Mensch brauche. Diesen Blog zu schreiben. Und – wenn Kraft über ist – Dinge zu unternehmen, die ich anregend finde: Ausstellungen gucken, Slams hören, Kinobesuche…
Immer wieder einmal muss ich es mir bewusstmachen, dass mein Gefühl von „Alles kommt zu kurz“ auch ein Stück weit der Tatsache geschuldet ist, dass ich versuche, nicht nur mein Leben als „getrennt Erziehende“ mit zwei Kindern und meine Erwerbsarbeit zu vereinbaren, sondern zusätzlich auch noch den Anspruch habe, zwischendurch ein weiteres Leben zu führen, in dem ich am liebsten genau so viel unternehmen würde wie meine kinderlosen Freunde. Ja, dabei stoße ich an die Grenzen meiner Kraft.

Meine Kinder besuchen eine Ganztagsschule mit Anwesenheitspflicht von 8 bis 16 Uhr; meine vertragliche Arbeitszeit ist darauf exakt abgestimmt: Anderthalb Stunden Weg – sechs Stunden Arbeit – eine halbe Stunde Pause. Dazwischenkommen sollte in meinen Wochen mit Kindern also besser nichts, und die S- Bahn darf bitte auch nicht ausfallen. Es entstehen immer wieder „Unterstunden“ – zum Glück kann ich die ausgleichen, wenn die Kinder nicht bei mir sind.
Meine Arbeitsbedingungen als Angestellte eines großen Unternehmens tragen viel dazu bei, dass ich das mit Beruf und Kindern hinbekomme: Ich konnte nach den Geburten meiner Kinder relativ unkompliziert meinen Vertrag zunächst auf 20 Wochenstunden zurückfahren und später ebenso unkompliziert wieder auf 25 und dann 30 Stunden erhöhen. Ich kann mit dem Teilzeitgehalt auskommen. Ich habe die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, wenn meine Kinder krank sind oder die Schule aus dem einen oder anderen Grund Schließtage hat. Auch einen Teil der vielen Ferienwochen überbrücke ich inzwischen (und frage mich immer wieder, wir ich das bloß hinbekommen habe, als die Kinder dafür noch zu klein waren) mit halben Urlaubstagen, an denen ich von zu Hause aus drei Stunden arbeite und dann noch Zeit für Unternehmungen mit den Kindern habe. Das sind Bedingungen, für die ich dankbar bin – und bereit, gelegentlich Abend- oder Wochenendarbeit zu leisten, auch wenn ich die als extrem kräftezehrend empfinde. Ein Nachteil meiner derzeitigen Arbeit mit ihrer schönen Flexibilität ist allerdings, dass mein Unternehmen Teilzeitmüttern kaum Qualifikations- und Entwicklungsmöglichkeiten anbietet. Gerne und jederzeit, sagt der Vorgesetzte… wenn ich deutlich mehr Zeit in meinen Beruf, in Dienstreisen, Überstunden und regelmäßige Wochenendverfügbarkeit zu investieren bereit wäre.

Was die Vereinbarkeit für mich erschwert, ist jede Art von Störung: Eigene Krankheiten oder Krankheiten der Kinder, dringende Abgabetermine im Job, Arzttermine, Orgakram, Schul- und Vereinsveranstaltungen, ein geklautes Fahrrad oder andere „Alltagskatastrophen“, die das übliche Maß überschreiten. Ich empfinde das Grundschulater meiner Kinder in dieser Hinsicht als extrem anstrengend und herausfordernd – meistens kommen in den Wochen, in denen ich mit dem Siebenjährigne und dem Elfjährigen allein bin, so viele „Extras“ zusammen, dass ich nicht weiß, wie ich die ganz normalen Anforderungen des Alltags bewältigen würde, wenn ich nicht vieles in die Wochen verschieben könnte, in denen die Kinder nicht bei mir sind.

Ein weiterer Minuspunkt für mich ist mein eher dünnes „Unterstützungsnetz“ hier vor Ort. Weder der Vater meiner Kinder noch ich haben Familie in Berlin, so dass wir beide füreinander das wichtigste Backup bei der Betreuung der Kinder geblieben sind. Die Freundschaften, die wir in der Babyzeit unserer Söhne hier im Umfeld geschlossen haben, sind ausgedünnt, seit viele Familien aus dem Umfeld von Kita und Schule ins Berliner Umland verzogen sind. Für die, die geblieben sind, fürs Knüpfen neuer Kontakte und dafür, befreundeten Müttern selber mehr Unterstützung anbieten zu können, hätte ich gerne häufiger Zeit. Das Wechselmodell ist dafür keine besonders günstige Lebensform: Ich empfinde die Zeit mit meinen Kindern als so knapp, dass ich gerne viel davon auch wirklich mit den beiden verbringen möchte und wir erst dann Lust auf Verabredungen haben, wenn wir Zeit miteinander hatten – oft genug ist die gemeinsame Woche dann auch schon wieder vorbei. Und ich bin nur in jeder zweiten Woche in der Schule präsent – beim Austausch der Erstklässlereltern über dies und das, beim Kontakteknüpfen und Verabreden vor der Klassenraumtür um dreiviertel Vier.

Wenn mir also irgendwann der Vereinbarkeits-Wunschfee über den Weg läuft, werde ich mir folgendes erbitten: einen arbeitsfreien „Haushaltstag“ jeden Monat; eine oder zwei gut befreundete Familien und ein paar Verwandte direkt in unserer Straße oder gar im Haus – und von meinem Arbeitgeber Entwicklungsmöglichkeiten, für die ich meine Vertragsarbeitszeit so beibehalten kann, wie sie jetzt ist – wenigstens noch ein paar Jahre lang.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s